BK Alsdorf
menu

Meldung

Bunter Bilder-Bogen um Recht und Willkür

– „Michael Kohlhaas“ im Greta

Was früher in der „guten alten Zeit“ einzelne „Rosstäuscher“ besorgten, schafft in unseren Tagen die moderne Autoindustrie in großem, globalem Stil und ist sogar noch stolz auf ihre Leistungen: Die Abgasaffäre, international als „Dieselgate“ berüchtigt, offenbart Machenschaften, von denen unsere Altvorderen einst nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Auch damals gab es allerdings Händler, die fair und gewissenhaft vorgingen und ihrerseits von Gangstern getäuscht wurden. Ein historisches Beispiel aus dem 16. Jahrhundert diente Heinrich von Kleist als Anregung, seine Geschichte von „Michael Kohlhaas“ zu erzählen und 1810 zu veröffentlichen.

Damals betrog ein Adeliger mit guten Verbindungen zur Obrigkeit einen arglosen Rosshändler und verhinderte dank seiner Beziehungen – modern gesagt: effektiver Lobby-Arbeit –, dass sein Diebstahl zweier Pferde auf gerechte Weise geahndet und der geprellte Pferdehändler entschädigt wurde. Das kommt einem merkwürdig vertraut vor: In den USA muss VW seine betrogenen Kunden fair entschädigen, in der Bundesrepublik kann sich der Weltkonzern dank anderer Rechtslage darum drücken und darauf beschränken, seine Opfer mit einem gleichermaßen fragwürdigen wie billigen Software-Update abzuspeisen.

Michael Miensopust hat Heinrich von Kleists umfangreiche Erzählung für die Bühne bearbeitet und daraus ein kleines Drama für zwei Schauspieler entwickelt. Das „Greta“, das „junge Grenzlandtheater“, bietet jetzt auf seiner Tournee im Umkreis Aachens diese schmissige Kleist-Adaption für „Menschen ab 14 Jahren“, für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene, die sich ihren Sinn für lebendiges Schauspiel bewahrt haben. Schier unglaublich ist, mit welcher Intensität und welch virtuosem Körpereinsatz es Carolin Sophie Göbel und Dominik Penschek (unter der Regie von Patrick Dollmann) gelingt, in einer minimalistisch gehaltenen Kulisse – eigentlich handelt es sich nur um deren Andeutung durch einige Stoff-bespannte Winkel, zwei Kästen und die Rückwand – nicht weniger als 16 Rollen überzeugend zu gestalten: Michael Kohlhaas und seine Frau, den betrügerischen Junker und seinen Burgvogt neben allerlei Adeligen. Hier wird die Bühne zur moralischen Anstalt, auf deren Brettern diese beiden Schauspieler ganz Mensch werden, weil sie plausibel und überzeugend spielen, ihre Charaktere subtil geben, ohne dabei zu überzeichnen oder in Klischees abzusinken.

Genial gelingt ihnen, mit fein nuancierten Mitteln und Gesten zu überzeugen, etwa wenn Carolin Sophie Göbel den arglosen Junker mimt, dessen Burgvogt ihn leider hintergangen habe oder Dominik Penschek behutsam demonstriert, wie Kohlhaas, ein gutgläubiger Bürger zunächst, der dem Staat und seiner Gerechtigkeit vertraut, angesichts des schreienden Unrechts ihm gegenüber sich immer tiefer hineintreiben lässt in Verhaltensmuster, die er am Ende selbst als verbrecherisch erkennen muss. Wild bewegen sie dabei die spärlichen Bühnen-Elemente, lassen die durch die Luft wirbeln, zum Turm wachsen, als Tor fungieren, stellen ein Zelt damit auf und Sperren dar, sie bilden eine Landkarte und schließlich die Zelle, in der Kohlhaas sein Leben aushaucht, doch davon sieht man nur das gezückte Schwert: den Kopf vom Leib getrennt. Im besten Sinn ist die Inszenierung „verkopft“ angelegt, hier werden Fragen von Recht und Willkür nicht in Aktion präsentiert, sondern eher theoretisch erörtert. Kämpfe kommen auf der Bühne nicht vor, die Aufführung verzichtet auf jede Form kriegerischer Handlung. Aber das wird mehr berichtet. Immerhin überfällt Kleists Kohlhaas mit seiner kleinen Privatarmee das Schloss seines Widersachers und brennt Häuser nieder, es kommt zu handfesten Gewaltakten während dieser „Fehde“, der historische Hans Kohlhase wütete nur wenige Jahre nach dem Ende des sogenannten „Bauernkriegs“.

Doch dieser unterkühlt geschilderte Feldzug kam an bei den Jugendlichen gut an. Gebannt folgten sie dem bunten Bilderbogen der raschen Rollen- und Szenenwechsel nur wenige Meter vor ihnen. Beigetragen haben dürfte dazu, dass die Regie darauf verzichtet hat, Kleists historischen Fall und seine inzwischen zu literarischer Klassik geronnene Erzählung vordergründig zu aktualisieren. Zaghaft wurde eingangs aus dem Off eingespielt, dass von Mordbrennerei und Terror die Rede sei. Lebhaft entspann sich die Diskussion nach dem Stück, bezogen auf den Inhalt zunächst. Aber auch, wie man Schauspieler werde, wollten die Schüler von den Akteuren wissen und nahmen interessiert zur Kenntnis, dass man diese Ausbildung nach einem Schulabbruch beginnen könne. Offenbar fühlten sich die Jugendlichen von diesem kleinen Theaterereignis angesprochen und es dürfte ihr Interesse an literarischen Texten verstärkt haben.